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Impulse 4/2008: Roman Rischmüller, Es muss nicht immer Chemo sein

2008_RischmuellerWenn uns jemand sagen würde: "Bei Ihrer Krankheit hilft nur ein Medikament, das im ersten Weltkrieg als Kampfmittel eingesetzt wurde, das in erster Linie auf Schädigung der DNA setzt, die Zellteilung hemmt, eine Vielzahl von Enzymen blockiert, die Bildung von weißen Blutkörperchen unterbindet und zudem noch Mutationen und Krebs hervorruft", würde wahrscheinlich niemand auf die Idee kommen, diesen Rat ernst zu nehmen. Nicht so, wenn man Patient einer lebensbedrohlichen Erkrankung ist und vor eine schwierige Wahl gestellt wird: Entweder sterben oder mit einer solchen Substanz das töten, was gegebenenfalls zum Tode führt. Genau in diesem Konflikt stehen viele Krebspatienten.

Ich auch, denn vor zwei Jahren wurde bei mir ein fortgeschrittener Darmtumor mit Lymphmetastasen diagnostiziert.Ziemlich unverhofft, wie bei den meisten. Ich fühlte mich mitten im Leben. Noch kein halbes Jahr war vergangen, als ich meinen 40. Geburtstag feierte und mit Freunden und Bekannten auf die nächsten vierzig Jahre anstieß. Alles schien seinen normalen Gang zunehmen: studiert, geheiratet, zwei Kinder bekommen, ein Haus gekauft und viel gearbeitet - als Unternehmensberater für Prozessmanagement und Informationstechnikin der Automobilbranche. Doch mit einem Mal war alles anders. Als mir nach der Operation zu einer Chemotherapiegeraten wurde, dachte ich zuerst: "Wenn das die einzige Lösung ist, dann werde ich es wohl machen müssen." Irgendwie spürte ich aber von Anfang an ein großes Unbehagen und suchte nach weiteren Therapiemöglichkeiten. Doch alle Ärzte, mit denen ich sprach, sahen in der Injektion der Zellgifte die zentrale Behandlungsmethode. Allenfalls könnten natürliche Mittel als Ergänzung genommen werden, aber nicht die Therapie ersetzen. Mein natürlicher Menschenverstand fragte sich jedoch immer wieder: "Wenn Krebs eine chronische Erkrankungist, die mit einem gestörten oder schwachen Immunsystemzu tun hat, wieso ist dann das vorrangige Ziel, Zellen mit Mitteln zu zerstören, die die Immunabwehrerheblich beeinträchtigen?" So richtig konnte mir daraufniemand ine Antwort geben. Handfeste Alternativen fehlten mir. Ich wusste nicht,was ich anstelle der Chemo tun sollte. Allein auf Ernährung oder eine Misteltherapie zu setzen, schien mir zu vage. Ich hatte auch nicht die Kraft, in erster Linie meiner Intuition zu vertrauen und ausschließlich auf den Aufbau des Abwehrsystems zu setzen. Schließlich wollte ich mir nicht den Vorwurf gefallen lassen, nicht alles ausprobiert zu haben. Erst nachdem ich einen Chemoversuch unternahm,der die Adern meines linken Unterarms von innen her verbrannte und feuerrot werden ließ, habe ich etwas mehr Mut entwickeln können. Aufmerksam wurde ich auf eine Klinik in Bad Mergentheim, die ein für mich sorgfältig durchdachtes Therapiekonzept verfolgte, das den Menschen als Ganzheit von Körper, Geist und Seele betrachtet. Ein Konzept, bei dem Entgiftung, Zuführung von Vitaminen und Anti-Oxidantien, vollwertige Ernährung, Aufbau des Immunsystems, Mistel- und Fiebertherapie, psychische Betreuung, Entspannungs- und Kreativitätstechniken und physikalische Behandlungen genauso ein Thema sind wie die konventionellen Therapieformen. Dort habe ich das komplette Programm absolviert; bis auf die Chemo. Denn nach dem Abklingen der Verbrennungwar mittlerweile so viel Zeit verstrichen, dass eine Weiterführung ärztlich nicht mehr anzuraten war. Seitdem sind mittlerweile gut zwei Jahre vergangen. Entgegen ursprünglicher Prognosen hat sich der Krebs bei mir nicht mehr gezeigt. Ob es an der sehr guten Therapie gelegen hat oder es einfach nur ein Geschenk des Himmels ist, weiß ich natürlich auch nicht genau. Eines habe ich nun erlebt: Es muss nicht immer Chemo sein. Die immensen Nebenwirkungen sind mir erspart geblieben und obendrein hat die Therapie mir einen Anstoßgegeben, mein Leben zu überdenken und Prioritäten anders zu setzen. Beispielsweise verbringe ich nun mehr Zeit mit meiner Familie und stelle die Arbeit nicht imme rin den Vordergrund, oder ich achte mehr auf meine Empfindungen und bringe diese auch zum Ausdruck oder ich habe mehr Spontaneität entwickelt, um schöne Augenblicke intensiver zu genießen. Hätte mir jemand so etwas vor der Erkrankung erzählt, hätte ich ihn wahrscheinlich auch nur etwas irritiert angeschaut und es als sentimentales Geschwafel abgetan. Ich war es gewohnt, kognitive Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen, auf die wir in unserer Ausbildung verstärkt getrimmt werden. Sich aber mit seinen innerenKräften zu beschäftigen, habe ich nicht so eine wichtige Bedeutung beigemessen. Mittlerweile ist aber das "dünne Eis" etwas tragfähiger geworden. Angeregt auch durch das Phänomen, dass das Herz nur selten Krebs bekommen kann, habe ich im übertragenen Sinn versucht, meinen Herzensangelegenheiten mehr Raum zu geben. Und wer weiß, vielleicht überträgt sich diese Einstellung auch auf die restlichen Zellen? Jedenfalls hat es schon jetzt - obwohl die Erkrankung natürlich noch immer wie ein Damoklesschwert über mir hängt - mein Leben sehr bereichert.

Roman Rischmüller: Es muss nicht immer Chemo sein, ISBN 978-3-8370-6596-1,
www. rischmüller.de

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